20. BG-Jubiläum

Rede von Inge Klauk beim Empfang zum 20. Jubiläum der BG am 20. Juni 2009 im Werler Cafe Dreiklang

Die Bürgergemeinschaft Werl begeht ihren zwanzigsten Geburtstag. Wir feiern, halten Rückschau und blicken in die Zukunft. Für die Rückschau bin ich heute zuständig, für die Zukunft Siegbert May.


Wegbereiter der neuen politischen Gruppierung waren – so merkwürdig es klingen mag – Politik und Verwaltung der Stadt Werl. Wer erinnert sich noch an die große Sanierungswelle, die in den siebziger und achtziger Jahren ganz Deutschland erfasste und das Gesicht von Städten und Gemeinden verändern sollte? Auch Werl leistete sich ein aufwendiges Sanierungsprogramm. Ein Büro der Landesentwicklungsgesellschaft - kurz LEG genannt - richtete sich in Werl ein. Der Begriff Flächensanierung löste je nach Standpunkt Begeisterung oder Entsetzen hervor. Wusste doch jeder aufgeklärte Bürger, daß dies das Gesicht der Stadt verändern und nicht ohne finanzielle Belastungen für den städtischen Haushalt und jeden einzelnen Hausbesitzer gehen würde.

In dieser Zeit des Umbruchs gab es mahnende Stimmen, Historisches zu Bewahren, einer behutsamen Objektsanierung den Weg zu ebnen und Straßen so zu planen, daß das Bild der Stadt nicht zerstört wird und die Interessen von Bürgerinnen und Bürgern nicht übergangen werden.

Es ist wichtig, heute an einen Mahner zu erinnern, der später zu uns gehörte, der Zeit und Geld investierte, um den Ratsmitgliedern eine andere Sichtweise von Stadtplanung aufzuzeigen,. Dr. Hermann Josef Koch.

Dr. Koch stand nicht allein da. Viele Bürgerinnen und Bürger wehrten sich. Schon 1975 gab es die Überlegung, eine Bürgergemeinschaft zu gründen. Dr. Koch und seine Mitstreiter entschieden sich aber damals, die Zentrumspartei in Werl zu unterstützen. Tatsächlich konnten zwei Ratssitze errungen werden. Auf Bürgerversammlungen gab es zahlreiche Proteste Stellvertretend aus unserer Runde seien Elke Gawliczek und Jürgen Dröge genannt, die sich in einem langwierigen Rechtsstreit standhaft und erfolgreich mit einer Normenkontrollklage gegen eine Straße zur Wehr setzten, die unter dem Namen „ Westtangente“ in die Geschichte dieser Stadt eingehen sollte. Eine Eltern-Schule-Anwohner-Initiative schloß sich der Klage an und investierte viele tausend Mark.

Politik und Verwaltung haben es offenbar damals nicht verstanden. auf die mahnenden Stimmen zu hören, den Ideenreichtum vor Ort aufzunehmen und in ihre Vorschläge mit einzubeziehen.

Da bedurfte es nur einer tatkräftigen Person, die all diese Ideen, Mahnungen, Sorgen und Ängste aufnahm, um den Menschen im Rat und in den Ausschüssen eine Stimme zu geben. Diese Person war Roswitha Stoll-Tolkemit. Frau Stoll-Tolkemit war politisch erfahren, geschickt in Wort und Schrift. Sie kam wie ein Wirbelwind in die bis dato selbstsicher agierende politische Landschaft unserer Stadt. In kurzer Zeit sammelte sie Männer und Frauen um sich und überzeugte sie davon, daß es notwendig und richtig sei, hier und jetzt eine neue politische Gemeinschaft zu gründen. Sie investierte Zeit und Geld, überzeugte, überredete, kämpfte und schaffte in kurzer Zeit mit engagierten Bürgern das, was viele nicht glauben mochten: Nur wenige Wochen nach dem ersten Treffen im Cafe Schulte in der Walburgisstraße wurde am 9. Mai 1989 die Bürgergemeinschaft gegründet.

Es sollte ein Zusammenschluß parteiunabhängiger Bürgerinnen und Bürger werden, die eine kritische ideologiefreie Alternative der bestehenden Parteien anbot. In ständiger Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern sollten Fragen und Probleme der Gemeinde erörtert und einer Lösung nähergebracht werden. Bürgernähe war das Stichwort! Niemand hielt es für möglich, daß die BG in dieser Stadt eine Chance bei den Kommunalwahlen im Herbst 1989 hätte. Zum Erstaunen aller errang die Bürgergemeinschaft auf Anhieb 11,4 % der Stimmen, damit 4 Sitze im Rat und wurde drittstärkste politische Kraft in unserer Stadt.

Roswitha Stoll-Tolkemit, Albert Biele, Peter Thomalla und Bernd Schmidt waren die ersten Ratsvertreter. Die Arbeit konnte beginnen! Auf Kreisebene schlossen wir uns bald der Kreis BG an und konnten 1994 Antonius Weller als Werler Vertreter in den Kreistag entsenden.

In den folgenden fast 10 Jahren war Walter Moennighoff, unermüdlich für uns im Kreistag und in den verschiedensten Ausschüssen tätig. Die kommunalpolitische Arbeit ist für Politikerinnen und Politiker allgemein ein hartes Brot. Neben dem Beruf muß die verbleibende Freizeit zwischen Familie, Sitzungen, Aktenstudium, Bürgergesprächen, Ortsbesichtigungen, unzähligen Telefonaten etc. aufgeteilt werden. Besonders aber 20 Jahre Oppositionsarbeit zu gestalten, da braucht es schon Begeisterung für dieses Ehrenamt. Stellvertretend für alle seien genannt: Roswitha Stoll-Tolkemit, Peter Thomalla, Walter Moennighoff, Siegbert May, Dieter Riewe, unsere Geschäftsführerin Elisabeth Born-Gummersbach unser Schatzmeister Rolf Torbohm, unsere Schriftführerin Christina Reuther.

Die BG konnte in zwei Jahrzehnten immer wieder neue Mitglieder gewinnen. Wir haben aber auch aus unterschiedlichen Gründen Mitglieder verloren, weil sie den politischen Weg mit uns nicht weiter gehen wollten, weil sie durch Krankheit gehindert wurden, weil sie den Wohnort wechselten oder weil sie verstorben sind Sie alle haben in der Vergangenheit das Bild der BG mitgeprägt

Am Jubiläumstag dürfen wir mit Freude und auch ein wenig Stolz darauf hinweisen, daß unsere Arbeit in den letzten zwanzig Jahren Früchte getragen hat. Wir gaben Denkanstöße im planerischen, schulischen, kulturellen und sozialen Bereich und übten konstruktive Kritik. Aus Zeitmangel können nur einige sichtbare Erfolge heute aufgezählt werden:

Wir waren dabei, als Politik und Bevölkerung sich gegen die Giftmülldeponie stemmte und einige von uns finanzierten das Windrad mit, das auf der vorgesehenen Fläche errichtet wurde (Die Mitinitiatorin der Protestbewegung Marion Jakob kam aus unseren Reihen! )

VHS, Musikschule, Bücherei, Krankenhaus, Kulturbahnhof, Agenda, Syntegration, waren und sind uns wichtige Anliegen. Soziale Träger, Vereine und Verbände und die vielen ehrenamtlichen Bürgerinnen und Bürger haben unsere Anerkennung und Unterstützung.

20 Jahre BG bedeutet: auf demokratische Weise mitzuwirken an der Entwicklung der Stadt zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger – bedeutet Ringen in der Fraktion um den richtigen Weg, bedeutet, seinem eigenen Gewissen verpflichtet zu sein, bedeutet Erfolge in Ausschüssen und Rat zu erleben, bedeutet auszuhalten, daß ein starkes Netzwerk der politischen Parteien manches vorab in trockene Tücher bringt, bedeutet, daß Anträge abgelehnt und manchmal -o Wunder- später von anderen aufgegriffen werden. Der politische Wettstreit um den besten Weg treibt eben manchmal seltsame Blüten.

Wichtig war und ist uns die bürgernahe politische Arbeit. Wenn auch der größte Teil unserer Arbeit nicht ihren Widerhall in der Presse findet, so haben doch viele Wählerinnen und Wähler unsere Arbeit in den letzten zwanzig Jahren gewürdigt und uns deshalb gewählt. Auch zur Zeit sind wir im Rat durch fünf Mandatsträger vertreten. Viele von uns arbeiten in Ausschüssen, Aufsichtsräten und Arbeitskreisen. Die BG hat sich auch der politischen Verantwortung bei der Wahl des Bürgermeisters gestellt: Siegbert May kandidierte vor 5 Jahren als Bürgermeister für die Stadt Werl und konnte 12,3 % der Stimmen erreichen. Auch in diesem Jahr kandidiert er als Bürgermeister und wir wünschen ihm natürlich dafür viel Erfolg.

Es war wichtig und richtig, vor zwanzig Jahren die BG zu gründen. Es hat sich gelohnt, Ideen und Engagement, Zeit und Geld zu investieren.

Wenn es die BG in Werl noch nicht gäbe, müsste man sie hier und jetzt gründen!

Inge Klauk, 20. Juni 2009